Klinikum Saarbrücken (Winterberg)


Interview zum Vortrag vom 28.01.2010:

Zeit zum Umdenken
Neuere Erkenntnisse zur Behandlung
von Diabetes und Adipositas



Mit der wachsenden Zahl von Übergewichtigen nehmen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes, koronare Herzerkrankungen und Gelenkverschleiß zu – Erkrankungen, die zu deutlichen Einschränkungen der Lebensqualität und erheblichen Kostensteigerungen im Gesundheitssystem führen. Das von Dr. Hardy Walle und seinem Team entwickelte Bodymed-Ernährungskonzept begleitet Betroffene bei der Gewichtsreduktion und revidiert bisherige Ernährungsempfehlungen.

Herr Dr. Walle, wie erklären Sie sich die starke Zunahme übergewichtiger und adipöser Menschen in den letzten 50 Jahren?

Dafür gibt es einen einfachen Grund: Im Vergleich zu früheren Zeiten und mit zunehmendem Alter bewegt sich der Mensch immer weniger. Während ein Erwachsener in Deutschland vor etwa 60 Jahren noch rund zwölf Kilometer am Tag zurücklegte, kommt er heute auf weniger als einen Kilometer. Da die Energiezufuhr aber annähernd gleich geblieben ist, nehmen viele automatisch zu.
Warum erhöht sich mit steigendem Gewicht das Risiko, an Diabetes zu erkranken?

Dem Bauchfett – vor allem dem intraabdominellen Fett – kommt bei der Entstehung von Diabetes eine besondere Bedeutung zu. Denn mit diesem Bauchfett als Folge einer stammbetonten Adipositas entwickelt sich eine Insulinresistenz, bei der die Betazellen der Bauchspeicheldrüse mehr Insulin produzieren müssen, um den Blutzuckerspiegel konstant zu halten. Als Schutz vor dem überschüssigen Insulin im Blut setzt eine Downregulation der Insulinrezeptoren in den insulinsensitiven Organen wie Leber, Muskeln und Fettzellen ein. Hierdurch wird der Hyperinsulinismus weiter verstärkt und die „Insulinfalle“ schnappt zu.
Was ist so gefährlich an der Überproduktion von Insulin?
Wird nicht durch Gewichtsreduktion und Bewegung gegengesteuert, kann die Bauchspeicheldrüse im Laufe der Jahre durch vermehrte Insulinproduktion den Blutzucker nicht mehr im Normbereich halten, und es entwickelt sich neben Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck ein Typ-2-Diabetes mellitus.
Sie werfen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung unzeitgemäße Empfehlungen vor. Inwiefern?

Die DGE empfiehlt 10-15 Energieprozent Eiweiß, weniger als 30 En% Fett und mehr als 50 En% Kohlenhydrate. Mit diesen Empfehlungen ist sie nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Kohlenhydrate sind zwar wichtig für Menschen, die körperlich schwer arbeiten. Sie müssen bei tendenziellem Bewegungsmangel aber entsprechend reduziert werden. Mehr Eiweiß führt dagegen zu einem geringeren Hungergefühl. Wenn man sich satter fühlt, heißt das auch: Man hält bei der Ernährungsumstellung länger durch und nimmt auf längere Sicht mehr ab.
Welche Anteile von Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett empfehlen Sie?

Der Eiweißanteil sollte auf 20-30 En% angehoben und im Gegenzug der Kohlenhydratanteil auf 30-40 En% gesenkt werden. Bleibt ein Fettanteil von 30-40 En% – wobei bevorzugt hochwertige einfach oder mehrfach ungesättigte Fette, wie Fischöle, Oliven- und Rapsöl, verzehrt werden sollten.
Und wie findet man dabei das richtige Maß?

Bei dem von mir und meinem medizinisch-wissenschaftlichen Team entwickelten Bodymed-Ernährungskonzept werden in der Anfangsphase zwei Mahlzeiten durch eiweißreiche Shakes ersetzt. Die Hauptmahlzeit wird entsprechend unseren Ernährungsempfehlungen als moderat kohlenhydratreduzierte und eiweißoptimierte Mischkost zubereitet. Und lange bevor die Teilnehmer alle vier Phasen unseres Programms durchlaufen haben – die Start-, Reduktions-, Stabilisierungs- und Erhaltungsphase – ist das Grundprinzip verinnerlicht.
Keine dauerhafte Gewichtsreduktion ohne Bewegung – setzen Sie dabei eher auf Ausdauer- oder Krafttraining?

Bei der Bewegung hat in den letzten Jahren das Krafttraining an Bedeutung gewonnen, zumal sich viele Übergewichtige aufgrund der bestehenden Sekundärkomplikationen wie Gelenkverschleiß nicht ausdauernd bewegen können. Mit Krafttraining werden zunächst Muskeln aufgebaut, Gelenke stabilisiert und die Fettverbrennung angeregt. Die daraus resultierende Gewichtsreduktion ermöglicht dann auch die Bewegung im Ausdauerbereich. So kommt eins zum anderen. Die Bewegung mindert oder durchbricht die Insulinresistenz. Das ermöglicht die Fettverbrennung und führt auf längere Sicht zu einer effektiveren und nachhaltigeren Gewichtsreduktion.
Woran machen Sie den Erfolg Ihres Programms fest?

An den Ergebnissen einer Langzeitstudie, bei der wir 2.467 Teilnehmer über zwei Jahre medizinisch und wissenschaftlich begleitet haben. Im Durchschnitt nahmen die Probanden mit 11,6 Kilogramm nicht nur deutlich mehr ab als die Teilnehmer von kohlenhydratbetonen, fettarmen Gewichtsreduktionsprogrammen, die ihr Gewicht im Mittel nur um zwei bis fünf Kilogramm reduziert hatten. Durch eine Senkung der diabetesspezifischen Medikation um 23 Prozent konnte gleichzeitig der HbA1c-Wert signifikant von 7,3 auf 6,7 Prozent reduziert werden. Parallel dazu besserten sich alle relevanten Stoffwechselparameter wie auch der Blutdruck. So lässt sich viel Leid vermeiden, das sonst zwangsläufig an einer Diabeteserkrankung hängt, wie Amputationen, Erblindungen und die Belastung von Betroffenen und Angehörigen durch den hohen Pflegeaufwand.
Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus für eine effektive Behandlung von Übergewicht und Diabetes ziehen?

Aus meiner Sicht drei Dinge. Erstens: Wir müssen umdenken in Deutschland und die längst durch eigene wie amerikanische Studien erhärteten neueren Erkenntnisse in nationale Ernährungsempfehlungen einfließen lassen. Zweitens: Wir sollten Übergewichtige bei der
Gewichtsreduktion intensiver begleiten. Im Rahmen des Bodymed-Konzepts geschieht das durch eine wohnortnahe medizinische Betreuung und begleitende Gruppenangebote. Drittens: Wir müssen die Kassen für eine frühere, Kostenübernahme gewinnen, da von effektiver Prävention nicht nur der Betroffene, sondern das gesamte Gesundheitssystem profitiert.