Dr. Dirk Jesinghaus

Die elektronische Patientenakte in Europa - Ein Spagat zwischen Fortschritt und Datenschutz

Die elektronische Gesundheitskarte besitzt in Deutschland zwar jeder gesetzlich Krankenversicherte, aber außer Daten zur Person und der Versichertennummer enthält sie fast nichts. Dabei ist ein Austausch von Daten zwischen Ärzten, Krankenhäusern und anderen Akteuren im Gesundheitswesen aus medizinischer Sicht dringend notwendig, am besten elektronisch. Das funktioniert in Deutschland aber mehr schlecht als recht.

Die Gesundheitsregion Saar und das Facharztforum Saar wollten deshalb wissen, ob dies in andern europäischen Staaten besser funktioniert und hatten deshalb Dr. Günter Danner, den stellvertretenden Direktor der Europavertretung der deutschen Sozialversicherung, aus Brüssel in die Ärztekammer des Saarlandes eingeladen.

Digitalisierung und der elektronische Austausch riesiger Datenmengen ist kein Spezifikum des Gesundheitswesens, sagte Werner Schreiber, Vorsitzender der Gesundheitsregion Saar und ehemaliger Gesundheitsminister in Sachsen-Anhalt zur Einführung in das Thema. Allerdings seien damit auch ethische Fragen verbunden, die offen diskutiert werden müssten. Dies gelte besonders, wenn es um den intimen Bereich von individuellen Gesundheitsdaten gehe.

Dr. Dirk Jesinghaus, Vorsitzender des Facharztforums Saar, wies darauf hin, dass insbesondere beim Entlassmanagement, also der Klärung, wie ein Patient nach einem Krankenhausaufenthalt weiterbehandelt wird, ein effizienter Austausch von Daten unverzichtbar sei.

 

Dr. Günter Danner

Der studierte Ökonom, Günter Danner, ist stellvertretender Direktor der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung und als Europabeauftragter der Techniker Krankenkasse in Brüssel.

Dr. Danner wies in seinem Vortrag zunächst darauf hin, dass Umfang und Art des notwendigen Datentransfers eng mit den unterschiedlichen Gesundheitssystemen zusammenhängt. So sei in staatlichen, über Steuern finanzierten Systemen wie zum Beispiel in Großbritannien oder den skandinavischen Staaten ein Datenaustausch kaum nötig. Die Behandlung findet meist in vorgegebenen Kliniken statt, die alle Daten vorhalten.
Da sie ihren Etat über den Staat erhalten, ist auch keine Abrechnung mit Krankenkassen notwendig. Von daher bleiben die Behandlungs- und Abrechnungsdaten an einem Ort. Andererseits sei etwa in Schweden die Transparenz auch persönlicher Daten sehr hoch. So könne jeder nicht nur die Steuerdaten, sondern auch die Krankengeschichte anderer an Hand einer individuellen Personennummer im Internet einsehen.

Ganz anders sieht das in selbstverwalteten und differenzierten Gesundheitssystemen wie in Deutschland oder Österreich aus. Hier ist ein intensiver Austausch von Daten zwischen Kliniken, Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen und unterschiedlichen, konkurrierenden Krankenkassen Voraussetzung für eine gute Versorgung über die verschiedenen Sektoren hinweg und eine
funktionierende Finanzierung durch die Krankenkassen. Allerdings seien gerade in diesen Ländern auch die Anforderungen des Datenschutzes besonders hoch. Dies sei verständlich, so Danner, verkompliziere aber den elektronischen Austausch der Daten. So unterschiedlich die Gesundheitssysteme sind, so verschieden müssten auch die Lösungen für die Art des Datenausfluss sein, stellte Danner fest.

Neue Techniken werden sukzessive in die Prozesse im Gesundheitswesen eingebaut. Wichtig sei dabei aber, dass die Digitalisierung in der Medizin immer eine dienende Funktion behalten müsse, sie könne die medizinische Leistung nicht ersetzen. Letztlich sei die Arzt-Patienten-Beziehung nicht technisierbar, da sie immer auch eine ethische Komponente enthalte, stellte Danner am Ende seines Vortages fest.

„Mit dieser Veranstaltung hat die Gesundheitsregion wieder ein Zukunftsthema aufgegriffen, dass an Brisanz noch zunehmen wird“, sagte deren Vorsitzender Werner Schreiber zum Abschluß der gut besuchten Veranstaltung. Solche Diskurse in Gang zu setzen und mit Vertretern aus der Ärzteschaft, Unternehmen der Gesundheitsbranche, Krankenkassen und anderen Berufsgruppen aus Gesundheit und Pflege zu führen, sei das Anliegen, das die Gesundheitsregion Saar seit über zehn Jahren verfolgt.

Die Gesundheitsregion Saar e.V. und das Saarländische Facharztforum danken der Ärztekammer des Saarlandes für die Unterstützung bei der Durchführung der Veranstaltung.

info@gesundheitsregion-saar.de
Axel Mittelbach