Zukunftsperspektive für die deutsche Krankenhauslandschaft: Strukturveränderungen anhand einer flächendeckenden, bedarfsgerechten Krankenhausplanung notwendig
Mit der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung „Situation und Zukunftsperspektiven der Krankenhäuser“ hat die Gesundheitsregion Saar e.V. ein Thema aufgegriffen, das zurzeit im Zentrum vieler Diskussionen steht. Die Veranstaltung fand am 27. Oktober 2014 im Haus der Kassenärztlichen Vereinigung am Eurobahnhof in Saarbrücken statt.

Werner Schreiber, Minister a. D., der Vorsitzende der Gesundheitsregion Saar, begrüßte die rund 70 Gäste aus allen Bereichen der Gesundheitsbranche und skizzierte einleitend das in der Presse oft dargestellte Bild der Krankenhauslandschaft als „Patient“ mit zu hohen Ausgaben, zu vielen Betten, zu hoher Dichte und im Zentrum unterschiedlichster Interessen.

 

Der saarländische Gesundheitsminister Andreas Storm kündigte in seinem Grußwort die 3. Fortschreibung der Krankenhausplanung im Saarland, sowie eine Novelle zur Neuordnung des Saarländischen Krankenhausgesetzes an. Die entscheidende Frage sei, inwiefern Qualität ein Maßstab für die Vergütung von Krankenhausleistungen sein muss bzw. sein könne. Entsprechende Strukturveränderungen kündigte er noch in der laufenden Wahlperiode bis 2017 an. Das derzeitige jährliche Investitionsvolumen auf Bundesebene in Höhe von 2,7 Mrd. Euro, bzw. im Saarland in Höhe von 28,5 Mio. Euro, reiche zwar bei weitem nicht aus, aber die saarländische Landesregierung habe sich darauf verständigt, diese Mittel in den nächsten Jahren nicht zu reduzieren. Das Saarland verfüge aktuell über 22 Krankenhäuser, die gemessen am Bevölkerungsanteil - mit einem überaus hohen Anteil älterer und hochbetagter Personen - seit Jahren über den stärksten Auslastungsgrad verfügten. Ein wichtiges Ziel in diesem Zusammenhang sei der Aufbau einer ‚demographiegerechten‘ Versorgung, also der Verzahnung von geriatrischen Abteilungen in Krankenhäusern mit ambulanten Pflegestationen, Rehaeinrichtungen, Apotheken und sonstigen Alterspflege- und –versorgungseinrichtungen.
Wichtig für die Zukunft sei, so Minister Storm abschließend, dass man sich erstens nicht dem Gedanken verschließe, ein Krankenhaus auch auf zwei oder sogar drei Standorten verteilt zu betreiben (Synergieeffekte bereits bestehender Einrichtungen bündeln) und damit eine hohe Versorgungsqualität zu sichern und zweitens müsse die Versorgung älterer und hochbetagter Menschen - der Bereich der stationären und ambulanten Pflege - in der Fläche sichergestellt werden.


 

Referent Prof. Dr. Andreas Beivers, Studiendekan der Hochschule Fresenius in München, lieferte in seinem Vortrag kurzweilig und informativ konzentrierte Fakten zum Thema (siehe Anlage). Er skizzierte zunächst die allgemeine Ausgangslage der Krankenhäuser nach dem Krankenhaus Rating Report 2014. Demnach ist in den letzten Jahren eine erhöhte Insolvenzgefahr, ebenso eine steigende Ausfallwahrscheinlichkeit, sowie ein Anstieg des Anteils der Krankenhäuser mit Jahresverlust auf insgesamt 34% zu beobachten. Stärker medizinisch spezialisierte Krankenhäuser, vor allem wenn mit hohen Qualitätsstandards gearbeitet wird und eine hohe Patientenzufriedenheit vorliegt, hätten allerdings, so habe die Untersuchung gezeigt, eine größere Überlebenschance.

 

Der Bevölkerungsrückgang insbesondere in ländlichen Gebieten, die Erreichbarkeit für eine Krankenhausgrundversorgung, die Erreichbarkeit für eine Schwerpunkt- und Maximalversorgung seien Kriterien, die in den kommenden Jahrzehnten eine wesentliche Rolle für das Fortbestehen von Krankenhäusern spielen werden. Die Anzahl der Krankenhäuser sowie die Anzahl der Krankenhausbetten hätten sich von 1991 bis 2012 zwar kontinuierlich verringert, die stationären Fallzahlen hingegen kontinuierlich erhöht. Die Verweildauer im gleichen Zeitraum sei von durchschnittlich 14 Tagen auf 7 Tage gesunken. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung habe u. a. den Grundstein für eine dauerhafte Sicherung von Qualitätsstandards in Krankenhäusern gelegt und zu einer Schwerpunktverlagerung in der Krankenhausplanung von einer standortbasierten hin zu einer erreichbarkeitsorientierten Versorgungsplanung geführt. Dennoch bleibe, so der Ausblick bis 2030, noch Einiges zu tun, um z. B. ein einheitliches und integriertes Vergütungssystem für Krankenhausdienstleistungen aufzubauen, die notwendigen Investitionen in der Krankenhauslandschaft bundesweit und standortbezogen nach einem flächendeckenden Standortversorgungsplan zu steuern und insgesamt den Aufbau einer bedarfsgerechten flächendeckenden Krankenhausplanung mit einer Notfallversorgung, einer Grund- und Regelversorgung, einer Schwerpunktversorgung sowie einer Maximalversorgung sicherzustellen.

 

Die sich anschließende Diskussionsrunde wurde von Dr. med. Thomas Vaterrodt, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Gesundheitsregion Saar, moderiert. Neben dem Referenten Prof. Beivers und Herrn Minister Storm nahmen daran Christiane Firk, Vertreterin der AOK Rheinland-Pfalz-Saarland, Alfons Vogtel, Vorsitzender der Saarländischen Krankenhausgesellschaft sowie Dr. med Josef Mischo, Präsident der Saarländischen Ärztekammer, teil. Es wurde u. a. darauf hingewiesen, dass bei allen Überlegungen zu einer Strukturveränderung in der Krankenhauslandschaft zu bedenken ist, dass höhere Qualität mehr Geld kostet, aber langfristig zu mehr Patientenzufriedenheit und damit zu einer besseren ökonomischen Prosperität in den Krankenhäusern führt. Konkret wurde hinterfragt, ob es im Saarland zwei Universitätskliniken geben muss und ob es zusätzlich in der Landeshauptstadt, in der eines dieser Universitätskrankenhäuser ansässig ist, noch eine weitere Klinik mit konkurrierenden medizinischen Fachbereichen geben muss. Hier sei eine Kooperation der Krankenhausträger sinnvoller, als sich gegenseitig Patienten abzuwerben. Alfons Vogtel wies auf den Missstand hin, dass die Krankenhäuser im Laufe der letzten Jahrzehnte in einen Wettbewerb getrieben wurden, der zusätzlich gesetzlich reglementiert wurde. Die Auswirkungen kennzeichneten heute den Überlebenskampf der Krankenhäuser der dazu führe, dass oftmals Leistungen erbracht werden, die medizinisch nicht unbedingt notwendig seien. Ebenso schlecht wirke sich der Wettbewerb der Krankenkassen aus. Eine Voraussetzung für Strukturveränderungen in der Krankenhauslandschaft sei es daher, zunächst das gesamte Gesundheitssystem zu verändern. Prof. Dr. Beivers betonte seinerseits abschließend, dass es insgesamt darum gehe, die Kapazitäten nach den regionalen Gegebenheiten und an den geodemographischen Wandel angepasst, richtig zu bündeln – es gehe nicht darum Kapazitäten abzubauen.


Vortrag Prof. Dr. Andreas Beivers [1.922 KB]